Stefan Dzikowski: Ein Leben für die Förderung von Menschen mit Autismus

Online geführtes Interview mit Stefan Dzikowski und Gudrun Löser-Dee

  • Zuerst einmal möchte ich Ihnen zum Dienstjubiläum gratulieren. Sie arbeiten jetzt schon unglaubliche 45 Jahre bei Autismus Bremen e.V. Sie müssen quasi als Jugendlicher mit dem Thema Autismus in Berührung gekommen sein. Schildern Sie uns bitte, wie es dazu kam.

    Gerne! …und herzlichen Dank!
    Ich bin nicht Elternteil eines autistischen Kindes, aber einer meiner Cousins ist vom Frühkindlichen Autismus betroffen, so dass dieses Thema schon früh innerhalb der Familie präsent war. Und da ich als gerade 18-jähriger immer knapp bei Kasse war, fragte ich in der damals neu gegründeten „Sonderklasse für autistische Kinder“ (in der auch mein Cousin tagsüber beschult wurde) nach einem Job. Morgens ging ich selbst noch zur Schule und nachmittags betreute ich zusammen mit den Fachlehrern*innen autistische Kinder in Kleinstgruppen beim Werken, Schwimmen, bei Ausflügen und Feierlichkeiten.

  • Sie haben Sozialpädagogik und Psychologie an der Universität Bremen studiert. Inwieweit konnten Sie dort das Thema Autismus vertiefen?

    Im Grunde genommen gar nicht. Menschen mit Behinderung oder gar mit Autismus kamen weder im Fach Sozialpädagogik noch in der Psychologie vor. Das empfand ich damals schon als außerordentlich ärgerlich, weil es die Studierenden so wenig auf einen ganz wichtigen Arbeitsbereich vorbereitete.

  • Sie begannen 1975 Ihre therapeutische Laufbahn in der Sonderschule für autistische Kinder. Später arbeiteten Sie mit im „Bremer Projekt“. Es gab zu dieser Zeit wenig Erkenntnisse über die Lern- und Entwicklungsfähigkeiten autistischer Kinder. Wie sah damals die Arbeit mit Autist*innen aus?

    Der Elternverein „Hilfe für das autistische Kind“, der heute „Autismus Bremen e.V.“ heißt, hatte seit 1973 ein Forschungsprojekt unter dem Titel „Kompensatorisches Programm für autistische Kinder“ beim Bundesministerium in Bonn beantragt und auch genehmigt bekommen. Hier ging es zunächst um die grundsätzliche Frage, ob autistische Kinder überhaupt lern- und entwicklungsfähig sind. Und wenn ja, wie muss/soll eine Förderung oder ein Unterricht aussehen, damit die Kinder davon profitieren können.
    Schnell wurde klar, dass vor allem sehr eindeutig strukturierte Lernanforderungen zum Ziel führten und eine Ganztagsbeschulung möglich war, die damit die autistischen Kinder allen anderen Kindern in Sachen Bildungspartizipation gleichstellte. Das war in Europa einmalig und wurde ab da das „Bremer Projekt“ genannt.

  • Sie haben die Schauspielschule des Landesverbandes Bremer Amateurtheater einige Jahre besucht und traten auf Norddeutschlands Kleinbühnen auf. Konnten Sie die Erfahrungen eines Schauspielers in die Arbeit mit Autisten einbringen?

    Autistischen Kindern etwas vor zu schauspielern klappt eigentlich nicht. Meist ist die ganze Authentizität gefordert, allerdings bisweilen mit einigen „übertrieben“ gezeigten Emotionen, damit dem autistischen Menschen klar werden kann, was mit seinem Gegenüber los ist.
    Die darstellenden Fähigkeiten, Atemtechniken, Körpersprache usw., die in der Schauspielerei eine große Rolle einnehmen, kamen mir vor allem im Bereich der Fort- und Weiterbildung zugute (wo ich viele Jahre tätig war).

  • Über Ihre Erfahrungen mit autistischen Kindern und deren Eltern haben Sie zahlreiche Bücher und Zeitschriftenartikel veröffentlicht. Dabei sind thematisch neben der therapeutischen Arbeit die Bereiche Früherkennung und -therapie, „Sensorische Integrationstherapie“, Fortbildung und Autismusforschung zu nennen. Könnten Sie unseren Lesern etwas dazu sagen?

    Gern!
    Meistens ist man in der Therapiestunde mit dem/der autistischen Klienten/in allein. Man glaubt und manchmal hofft man auch bloß, das „Richtige“ zu tun, damit die Entwicklung des autistischen Menschen vorankommt. Ich finde und fand es immer wichtig, die eigene Vorgehensweise öffentlich zu machen, um Rückmeldungen zu bekommen, Kontroversen auszulösen oder Sackgassen zu kennzeichnen. Kein/e Therapeut/in kann sich im eigenen Kämmerlein weiterentwickeln. Ich glaube, man braucht die Diskussion oder sogar den Disput mit den Kollegen*innen überall in der Welt. Mir erschien es immer notwendig, jenseits aller Wissenschaft die Erfahrungen der Praktiker*innen zu dokumentieren und für neue Wege der Therapie und Förderung zu nutzen. Um das zu können, muss man sich zunächst hinsetzen und aufschreiben, was passiert ist.

  • Ihre viel benutzte Dokumentation „Ursachen des Autismus“ stellt mit 60 Theorien praktisch alle in der Literatur erwähnten ätiologischen Erklärungsmodelle des Autismus vor. Auch zu diesem Thema würde ich gerne mehr erfahren.

    Als ich 1993 das Buch „Ursachen des Autismus – Eine Dokumentation“ schrieb, geschah das aus der Not und einer Notwendigkeit heraus. Notwendig deshalb, weil es gleichzeitig auch meine Diplomarbeit in Psychologie war, und Not tat es, weil wir zwar über die Therapie und Förderung beim Autismus bereits viel wussten, über die Ursachen im Grunde aber nahezu nichts. Also machte ich mich über Monate auf die Suche nach Literatur und als ich zu Hause wegen der Papierberge kaum noch irgendwo hintreten konnte, an die Auswertung. Es waren wirklich eine Reihe ulkiger, hinterlistiger, skurriler und nichtsnutziger Theorien dabei, die alle behaupteten, so und nicht anders entstehe der Autismus. Aber es gab und gibt auch die seriösen und inzwischen gut mit Fakten unterlegten Theorien. Leider sind die Ursachenforscher seit knapp 30 Jahren nicht viel vorangekommen. Das ist sehr schade.

  • 1987 erhielten Sie den Bremer Studienpreis für besondere wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Sozial- und Geisteswissenschaften für die Entwicklung der Sensorischen Integrationstherapie bei Menschen mit Autismus. Das ist eine besondere Auszeichnung. Auch hierüber würde ich gerne mehr erfahren.

    Diese Auszeichnung habe ich nicht allein bekommen, sondern zusammen mit meiner Co-Autorin Cordula Vogel.
    Wir wollten zeigen, was die Methode der „Sensorischen Integrationstherapie“ für autistische Kinder, Jugendliche und Erwachsene bringen kann und welche Probleme in der Praxis entstehen. Damit waren wir ganz nah dran an den autistischen Menschen und den wissenschaftlichen Standards der damaligen Zeit. Die Universität honorierte diesen Spagat mit dem von Ihnen erwähnten Preis, weil wir dem „Urgedanken“ der Universität Bremen (Forschung für den Menschen) gefolgt waren.

  • 1993 gründeten Sie das „Institut für Wahrnehmungstherapie und Intervision“ in Bremen. Welche Angebote gibt es an Ihrem Institut?

    Arbeit im Autismus-Therapiezentrum und Studium parallel kann zeitfüllend sein. Nachdem ich 1993 mit der Ausbildung fertig war, konnte ich mich einem Projekt zuwenden, das mir schon lange am Herzen lag: Die Gründung einer Einrichtung, in der alle nicht-autistischen, aber dennoch behinderten Menschen eine Förderung bekommen konnten, wie das sonst nur in einem ATZ möglich war. Viele, viele Jahre war das „IWI“ eine feste Größe in der Therapielandschaft in Bremen. Leider konnte ich keine/n Nachfolger/in finden und musste die Einrichtung vor einiger Zeit aus Altersgründen schließen.

  • Seit 1999 sind Sie Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V. in Hamburg. Der Bundesverband autismus Deutschland e.V. vertritt als Selbsthilfeverband die Interessen von Menschen mit Autismus und ihrer Angehörigen. Inwieweit konnten Sie Ihre Erfahrungen auf dem Gebiet Autismus in die Vorstandsarbeit einbringen und gab es besondere Projekte?
    Ja, die gab und gibt es!

    Schon früh (seit Ende der 1970er Jahre) war klar, dass die Fortschritte in der Entwicklung eines autistischen Kindes umso größer waren, je besser die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Therapeut*innen funktionierte. Beim Bundesverband habe ich versucht, genau diese Erkenntnis bei jedem Vorhaben von Anfang an mit einzubringen. Das betrifft die Arbeit in den Gremien, die Gestaltung des Autismus-Heftes, die Themen der Kongresse, Tagungen und Fortbildungen sowie die gesamte Ausrichtung des Verbandes.
    Mein wichtigstes Ziel war und ist es, ein bundesweites und flächendeckendes Versorgungssystem zu haben, welches verhindert, dass autistische Kinder und ihre Eltern allein gelassen, ohne Unterstützung dastehen. Auch erwachsene autistische Menschen (egal, ob mit „Asperger“ oder „Kanner“) brauchen wohnortnah ein niedrigschwelliges Angebot für alle erdenklichen Situationen. Dazu gehören auch bessere Freizeitmöglichkeiten, Reisen und Zugang zu Vereinen.

  • Sie sind Gastdozent der Donau-Universität Krems. Macht Ihnen diese Lehrtätigkeit Freude?

    Zur Donau-Universität fahre ich inzwischen nicht mehr. Auch die Reisen nach Polen oder in die Schweiz sind nicht mehr nötig; überall gibt es andere, sehr gute Dozenten.

  • Die Arbeit mit Autist*innen ist eine Tätigkeit, bei der man selbst gefordert ist, weil man sich in den/die Autisten/in hineinversetzen muss, um seine/ihre Handlungsweisen zu verstehen. Gab es berührende Momente. Welche Erlebnisse sind Ihnen in Erinnerung geblieben?

    Da könnte ich die ganze Nacht und den morgigen Tag und die folgende Woche ohne Unterbrechung erzählen!
    Am meisten hängen geblieben sind mir aber meist die Erzählungen von autistischen Jugendlichen oder Erwachsenen. Zum Beispiel, wenn sie besonderen Ungerechtigkeiten ausgesetzt waren und nicht verstehen konnten, warum. Eine Jugendliche, das ist vielleicht vier/fünf Jahre her, wollte gern in einer Mannschaft Fußball spielen. Vor dem Haus auf der Straße war sie mit den Kindern in der Nachbarschaft in gutem fußballerischem Kontakt. Wir redeten lange darüber, was man nun tun könne. Am Ende nahm sie all´ ihren Mut und ging in Osterholz-Scharmbeck zur Geschäftsstelle eines Vereins, der auch eine Mädchenmannschaft hatte.

    Nachdem sie etwas über sich und ihre Fähigkeiten und vor allem ihr Anliegen vortragen hatte, wurde ihr mitgeteilt, dass Behinderte in diesem Verein nicht mitmachen könnten. Das wäre nicht vorgesehen und würde außerdem das Niveau einer Mannschaft derart nach unten reißen, dass es keine Aussichten auf Siege mehr gäbe. Die junge Frau hat viel geweint.

Herr Dzikowski, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihre weitere Zukunft alles Gute

Autismus Bremen e.V.

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