Christiane Arens-Wiebel – 39 Jahre Autismus Bremen e.V.

Online geführtes Interview mit Christiane Arens-Wiebel und Gudrun Löser-Dee

  • Sie haben 39 Jahre bei Autismus Bremen e.V. gearbeitet. Das ist eine ungewöhnlich lange Zeit. Fangen wir aber mal am Anfang an. Wie und wann sind sie mit dem Thema Autismus in Berührung gekommen?

Die ersten Berührungen mit dem Thema Autismus hatte ich während meines Studiums. Meine Aufgabe war, ein Referat zum Thema „Verhaltenstherapie bei autistischen Kindern“ zu schreiben, und damit war mein Interesse an der Thematik geweckt. Im Folgenden habe ich die Bibliothek nach entsprechender Literatur durchsucht, was damals nicht ergiebig war, und mich damals schon für das Thema Elternverbände interessiert. Im letzten Jahr meiner Ausbildung zur Diplom-Sozialpädagogin habe ich ein Berufsanerkennungsjahr in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Münster absolviert. Dort arbeitete zu der Zeit Herr Professor Kehrer, der in den 70er und 80er Jahren eine geschätzte Koryphäe im Bereich Autismus war. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie befanden sich im Verlaufe dieses Jahrs mehrere Kinder mit frühkindlichem Autismus. Ich erfuhr aus dem Kontakt mit den Kindern sowie aus Gesprächen mit Kolleg*innen viel über Autismus. Mein Interesse war geweckt.

  • Warum haben Sie sich bei Autismus Bremen e.V. beworben und in welchem Rahmen konnten Sie dort mit Autist*innen und ihren Angehörigen arbeiten?

Im Sommer 1980 las ich die Stellenanzeige des Vereins „Hilfe für das autistische Kind Bremen e.V.“ und für mich war sofort klar, mich hierauf zu bewerben. Dies war genau das, was ich beruflich machen wollte. Auch dadurch, dass ich Mitarbeiterin von Professor Kehrer gewesen war, bekam ich die Stelle und arbeitete in den ersten Jahren mit 2 Psychologen, unter anderem Herrn Helbig-Hamelmann. Die Kinder, die sich zu dem Zeitpunkt bei uns in Therapie befanden, waren Schulkinder mit frühkindlichem Autismus oder manchmal atypischem Autismus, das Asperger-Syndrom war damals nicht geläufig. Wir arbeiteten mit einfachen Mitteln. Die Vielfalt an Lernmaterialien, die heute in den Therapiezentren zur Verfügung steht, die zahlreichen Methoden und Erkenntnisse, und der intensive Austausch mit Fachkolleg*innen waren damals noch nicht möglich. Wir boten Einzeltherapie hinter Einwegscheiben an, wohinter sich die Eltern der Kinder befanden, und sich ihre Gedanken machten, was wir mit ihren Töchtern oder Söhnen „anstellten“. Schon damals boten wir viele Treffen bzw. Seminare für die Eltern an und klärten sie umfassend über Autismus auf.

  • Es gab zu damaligem Zeitpunkt wenig Erkenntnisse zum Thema Autismus, geschweige denn Fortbildungen für Therapeut*innen. Wie haben Sie diese Lücke gefüllt?

Es gab – wie schon gesagt – wenig Material und kaum Literatur und schon gar keine Fortbildungen zum Thema. Herr Helbig-Hamelmann hat sich damals sehr dafür eingesetzt, dass deutschlandweite Treffen mit anderen Therapeut*innen stattfanden, in denen es um einen therapeutischen Erfahrungsaustausch ging. Jedes dieser Treffen hatte ein bestimmtes Schwerpunktthema, es gab keine/n Referentin/en, aber jede/r von uns leistete ihren/seinen Beitrag zu dem Thema, denn alle waren Autodidakten. Mitte der 80er Jahre fingen wir an, selbst Fortbildungen zu geben, zum Beispiel zum Thema „Sensorische Integrationstherapie“. Das waren aufregende Momente, plötzlich vor einer Gruppe von 200 Leuten zu stehen und etwas über unsere Erfahrung sowie die dahinterstehende Theorie zu referieren. Fortbildungen habe ich seitdem regelmäßig und zu diversen Themen gegeben. Das ist der Vorteil, wenn man sich so intensiv mit dieser Beeinträchtigung auseinandergesetzt hat und jahrelange Erfahrung machen konnte. Vor allem in den letzten Jahren meiner Tätigkeit bei Autismus Bremen e.V. habe ich in Bremen und im niedersächsischen Umland viele Fortbildungen gegeben, auch weil die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern wie dem Berufsbildungswerk und dem Berufsförderungswerk Friedehorst immer intensiver wurde.

Wichtig für mich persönlich war stets, meine bzw. unsere Erkenntnisse, Erfahrungen und unser Wissen in Form von Zeitschriftenbeiträgen oder Büchern weiterzugeben. So habe ich 1988 und 1990 zusammen mit meinem Kollegen Stefan Dzikowski die Bände „Autismus heute“ 1 und 2 herausgegeben, in denen Therapeut*innen über ihre Erfahrung berichteten. Diese beiden Bände waren tatsächlich die ersten Veröffentlichungen aus Sicht von Therapeut*innen in Deutschland. In den darauffolgenden Jahren hat es eine Art Boom an Veröffentlichungen gegeben, und inzwischen findet man zu jedem nur möglichen Themenbereich mehrere Bücher. Auch das kleine Autismus ABC so wie das Geschwister ABC sind meiner Feder entsprungen.

  • Haben Sie sich als Therapeutin spezialisiert, sei es Altersgruppen oder frühkindliche Autist*innen und Autist*innen mit Asperger-Syndrom?

Für mich war immer der frühkindliche Autismus der wichtigere Bereich. Die hiervon betroffenen Kinder, Jugendlichen oder auch Erwachsenen liegen mir besonders am Herzen. Mitte der 80er Jahre haben wir ein Frühförderprojekt gestartet, und mir wurden die inhaltliche Konzeption, die Planung und die Koordination von Fördermaßnahmen, die Ausbildung von studentischen Hilfskräften sowie die Planung von Veranstaltungen mit Kooperationspartnern übertragen. 2003 habe ich zusammen mit Frau Zogg-Roselt einen Früherkennungsfilm erstellt, der dazu da war, Fachleute in Ämtern, Diagnostikstellen, Kindergärten usw. mit dem Thema Autismus vertraut zu machen.

So wie ich selbst älter wurde, habe ich mich im Laufe der langen Zeit auch mit älter werdenden Menschen beschäftigt, das heißt nach der Zeit als Frühförderin habe ich überwiegend mit Schulkindern gearbeitet und später mit Erwachsenen. Außerdem habe ich mich in den letzten Jahren intensiv in die Themen „Autismus Im Alter“ beziehungsweise „Autismus und Demenz“ eingearbeitet; Fragestellungen, die auch als Fortbildungsangebote sehr gefragt sind.

  • Um auf Ihren beruflichen Werdegang bei Autismus Bremen zurückzukommen, würde ich mit Ihnen gerne über Ihre Zeit in Bremerhaven sprechen, in der Sie und Ihr Team an einem neuen Standort ein neues Therapiezentrum aufgebaut haben. Welche Herausforderungen gab es im Besonderen?

2004 wurde das neue Therapiezentrum in Bremerhaven eröffnet. Da ich mir eine neue berufliche Herausforderung wünschte, habe ich mich dort als Leitung beworben und ein großes Team aufgebaut. Insbesondere habe ich durch intensive Zusammenarbeit mit medizinischen und psychologischen Kooperationspartnern dem ATZ zu einer wichtigen Position in Bremerhaven und umzu verholfen. Auch die Außenstelle in Debstedt entstand während meiner Leitungszeit. Irgendwann reichten die Räumlichkeiten nicht mehr aus, denn die Einrichtung expandierte, auch weil die Vernetzung immer besser wurde und sehr viele Menschen kamen, um Hilfe zu bekommen.  Es wurde eine großzügige Etage in der Friedrich-Ebert-Straße angemietet. Bei der Einweihung wurde noch einmal deutlich, wie wichtig auch von Behördenvertretern die Arbeit des Therapiezentrums einschließlich der intensiven Netzwerkarbeit gesehen wurde. Nach 11 Jahren Leitungstätigkeit in Bremerhaven stand für mich persönlich an, mich beruflich neu zu orientieren und ein bisschen zur Ruhe zu kommen und mich (als Bremerin) wieder auf Bremen zu fokussieren.

  • Sie sind dann wieder nach Bremen zurückgekehrt und haben dort eine Beratungsstelle aufgebaut. Warum war dieses neue Angebot notwendig?

Die Beratungsstelle dient dazu, den vielen Menschen, die sich nicht in Therapie befinden und die in absehbarer Zeit keinen Therapieplatz erhalten können (schon aufgrund der zahlreichen Anmeldungen und nicht ausreichenden Therapieplätze), Hilfen anzubieten, ob telefonisch oder persönlich. In den 5 Jahren, die ich in der Beratungsstelle tätig war, habe ich zahlreiche Beratungsgespräche für Eltern und Betroffene angeboten, Schulungsgruppen für erwachsene Asperger Autist*innen durchgeführt und Elternseminare und -abende veranstaltet. Des Weiteren ist eine große Angebotspalette an Informationen wie Bücherlisten, Kontaktstellen beispielsweise für Diagnostik oder alternative Therapiemöglichkeiten entstanden.  Eine weitere wichtige Aufgabe war der Aufbau von Beratungen und Kooperationen mit Einrichtungen, z.B. Werkstätten und Wohnheimen, aber auch Schulen. Hier wurden beispielsweise gemeinsam Förderideen entwickelt, Verbesserungsvorschläge für Alltagsstrukturen erarbeitet, Kriseninterventionen erörtert und unterschiedliche Fortbildungsangebote gemacht.

  • Sie haben in den Jahren als Autismus-Therapeutin sehr viele Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt, die Sie dankenswerterweise zu Papier gebracht haben, so dass sie an nachfolgende Generationen der Therapeut*innen weitergegeben werden können.

Wie schon gesagt, habe ich frühzeitig angefangen, meine vielen Erfahrungen aufzuschreiben und zum Beispiel über den Verlag Autismus Bremen zu veröffentlichen. Im Jahr 2019 ist darüber hinaus im Kohlhammer Verlag mein Buch „Autismus – was Eltern und Pädagogen wissen müssen“ herausgekommen. In diesem Buch habe ich vieles von dem, was ich mir im Laufe der fast 40 Jahre mit autistischen Menschen angeeignet hatte, zusammengefasst, mit Beispielen versehen und anschaulich für Eltern und Pädagog*innen erklärt. Das Buch ist sicherlich eine Bereicherung für die praktische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie für die Gestaltung von Lebensläufen. In den letzten Jahren habe ich außerdem an der Fachgruppe Therapie des Bundesverbandes autismus Deutschland e. V. teilgenommen und so für den überregionalen Bereich zusammen mit Fachkolleg*innen einen wertvollen Beitrag zur Professionalisierung der Autismustherapie in Deutschland beigetragen.

  • Gab es in Ihrem Berufsleben besondere Momente, besondere Geschichten, die Sie berührt haben?

Eine Mutter, deren kleiner Sohn sich lange in Therapie befunden hatte, war irgendwann aus Bremen weggezogen, wodurch die Therapie beendet wurde. Ich traf sie im März auf dem Autismus-Kongress in Lübeck, weil sie sich dort meinen Vortrag über „Autismus und Alter“ angehört hatte. Stolz zeigte sie mir Fotos von ihrem Sohn auf dem Fahrrad – mit Tränen in den Augen. Es sei so toll gewesen, dass er damals in Bremen Therapie bekommen habe. Die intensive Zusammenarbeit mit den Therapeutinnen und die unzähligen Hilfen seien so gut gewesen, und sie würde immer wieder gerne an diese Zeit zurückdenken. Leider habe sie dann wegziehen müssen, diesen Schritt habe sie jedoch immer wieder bereut. Andere berührende Momente sind, wenn ein Kind plötzlich einen besonderen Erfolg hat, das heißt das erste Wort sagt, einen gewünschten Gegenstand gibt, wenn man eine besonders gute Therapiestunde mit einem Kind verlebt, wo z.B. nichts durch die Gegend fliegt. Oder wenn eine/n nach Jahren der Brief von einer/m Klientin/en erreicht, die/der sich noch einmal für die gute Zeit und die vielen Hilfen bedankt und eine/n daran teilhaben lässt, wie es ihr/ihm jetzt geht und, ja, erzählt, dass es ihr/ihm im Moment gut geht.

  • Sie sind jetzt offiziell in den Ruhestand getreten oder ist es vielmehr ein Unruhezustand. Was machen Sie heute?

Unruhestand, so kann man das nennen, wie ich im Moment meinen Alltag verbringe. Ich genieße, auch wegen Corona, meinen Garten, viel draußen zu sein, Rad zu fahren und Sport zu machen. Gelegentlich gebe ich Fortbildungen zu Autismus und dann wird mir immer klar, wie sehr mich das Thema nach wie vor fasziniert, welche tiefe innere Verbindung ich zu diesen besonderen Menschen habe und wie wichtig es mir ist, meine Erfahrungen und mein Wissen an andere Menschen weiterzugeben. So ist damit zu rechnen, dass ich das auch weiterhin tun werde. Ich kann sagen: Ich bin sehr zufrieden mit meinem Entschluss, frühzeitig in den Ruhestand zu gehen und mein Leben auf eine andere Art und Weise zu genießen.

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